›hier berlin literaturhaus‹ | H.C. Artmann, Nr 40

Das Literaturhaus Berlin ist als Stätte vielfältiger öffentlicher literarischer Veranstaltungen, Symposien und Ausstellungen Ende Juni 1986 eröffnet worden. Damals galt der Name des Hauses als erklärungsbedürftig, inzwischen ist er zum Begriff geworden. Gegründet wurde das Literaturhaus Berlin noch als die zentral [in nächster Nähe zum Kurfürstendamm] gelegene literarische Einrichtung West-Berlins zur Verbreitung, kritischen Rezeption und Förderung der Gegenwartsliteratur. Spätestens 1991 hat es sich im Rahmen einer Ausstellung über die literarische Zensur in der DDR den Besuchern aus den östlichen Teilen der Stadt mit Erfolg als ein Ort der Diskussion über ästhetische und literaturpolitische Probleme angeboten.

Weg Hauseingang
 
Unteres Foyer

Heute wendet es sich ganz selbstverständlich an alle Bewohner und Gäste Berlins, die an der gegenwärtigen deutschsprachigen und internationalen Literatur interessiert sind, wie auch an der Geschichte der literarischen Moderne und ihren Konflikten mit der Politik. Das »Projekt der Moderne«, dessen Brüche und Neuanfänge, verdient unsere grenzüberschreitende Aufmerksamkeit, schon weil wir wissen wollen, wie sich Literatur kontinuierlich oder sprunghaft weiter entwickelt. Unsere Neugier gilt gleichermaßen Gedichten, poetischen Texten, erzählender Prosa und Romanen, die nicht in ihren Inhalten ertrinken, Essays, Notaten, Tagebüchern und Briefen, Sachbüchern und wissenschaftlichen Untersuchungen, vornehmlich zu ästhetischen, literarischen, zeitgeschichtlichen, gelegentlich auch kulturgeschichtlichen, soziologischen und sogar naturwissenschaftlichen Themen. Solche Texte stellen wir in Autorenlesungen, Vorträgen, szenischen Lesungen und Diskussionen vor. Übersetzer, Schauspieler und Sprecher, Wissenschaftler und Kritiker, selten auch Musiker und bildende Künstler sind neben den Schriftstellern unsere Mittler - auch unsere Gesprächspartner. Neben den jährlich ca. 100 zumeist abendlichen Veranstaltungen des Hauptprogramms finden zahlreiche, in einem eigenen Programmteil angekündigte Gastveranstaltungen statt.

Produktion ziehen wir gelegentlich der Reproduktion [Vorstellung vorhandener Bücher] vor. Eine Vielzahl literarischer Texte und Vorträge sind auf Anregung des Literaturhauses geschrieben, hier vorgetragen und zum Teil auch in der von Herbert Wiesner herausgegebenen Buchreihe »Texte aus dem Literaturhaus Berlin« publiziert worden. Dazu zählen 18 kurze Theaterstücke, die in den ersten Jahren hier uraufgeführt und gedruckt wurden, und die reich illustrierten Katalogbücher zu unseren Ausstellungen.

Literaturausstellungen in überschaubarem Umfang und thematischer Zuspitzung, Eigenproduktionen wie Übernahmen, die - wenn eben möglich - die auratische Wirkung der Originale vermitteln, sind Forschungsausstellungen, die literarische Zusammenhänge sinnlich anschaubar machen. Mit den im Hause erarbeiteten Ausstellungen über den Neuen Berliner Westen, über Walter Serner, die Literatur aus Czernowitz/Bukowina, die Prager deutsche Literatur, den Flaneur Franz Hessel, das Jahr 1929, über Walter Höllerer, Samuel Beckett, Hannah Arendt, über die deutsche Literatur der Nachkriegszeit ("Doppelleben"), über Herta Müller (Nobelpreisträgerin 2009), über Ernst Jandl und Warlam Schalamow und der erstmaligen Präsentation der Bilder des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf hat das Literaturhaus weit über Berlin hinaus gewirkt.

Das Haus ist Eigentum der Stadt Berlin; es wurde dem Trägerverein Berlin e.V. zur Nutzung überlassen. Zuvor hätte es wie auch andere Häuser in der Fasanenstraße zugunsten einer abenteuerlichen Stadtplanung abgerissen werden sollen. Dies hat eine Bürgerinitative verhindert. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Die Decken im Hochparterre und Wandmalereien im Eingangsbereich wurden restauriert.

Erbaut wurde die Villa 1889/1890 für den zum Korvettenkapitän ernannten Teilnehmer der ersten und zweiten deutschen Nordpolfahrt, den späteren Charlottenburger Abgeordneten Richard Hildebrandt und seine Frau Louise geb. Gruson. Sie führten ein gastliches Haus, in dem Forscher und Schauspieler verkehrten. Max Bruch hat hier musiziert. Später wurde das Haus ein Etablissement mit häufig wechselnden Zweckbestimmungen: Reservelazarett im Ersten Weltkrieg, dann Volksküche, am Ende der zwanziger Jahre ein Haus der Alexander von Humboldt-Gesellschaft für ausländische Studierende [Pierre Bertaux zählte zu ihnen], Café, Bordell, Diskothek etc. Heute ist das Literaturhaus zusammen mit der Buchhandlung Kohlhaas & Company und dem Café-Restaurant Wintergarten ein lebendiges, urbanes Zentrum literarischen Lebens.

Über die Geschichte des Hauses informiert die im Juli 2014 erschienene Publikation:
»Fasanenstraße 23. Geschichte. Spaziergänge. Literatur«
Näheres über das Buch hier.
Außerdem finden einmal im Monat Führungen im und um das Literaturhaus Berlin statt. Termine finden Sie in der Programmübersicht und hier.

Aktuell

FRAGILE. Europäische Korrespondenzen

Am 6. April lesen Jan Wagner & Nikola Madzirov, am 7. April Ingo Schulze & László Györi aus ihren Briefwechseln. Band 265 der Reihe „die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ versammelt alle 14 Briefwechsel und ist ab dem 27. Februar 2017 käuflich zu erwerben.
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Terézia Mora erhält den Preis der Literaturhäuser 2017

Am 23. Mai 2017, 20.00 Uhr, liest die Preisträgerin im Literaturhaus Berlin, in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin.
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